Der Grand Prix von Bern ist ein Lauf über 10 Meilen. 10 Meilen, warum gerade 10 Meilen? Nun ganz einfach, der Gründer wollte ursprünglich einen Halbmarathon in Bern installieren. Leider konnte man aber keine Strecke finden, die lange genug für den Halbmarathon wäre. Eine Strecke über 16 - 17 Kilometer wäre aber möglich gewesen. Da sich ein 16-Kilometer-Lauf etwas seltsam anhören würde, erfand man die „10 schönsten Meilen der Welt“. Die Premiere fand 1982 statt und zwischenzeitlich ist der GP die größte Laufsportveranstaltung in der Schweiz mit bis zu 23.000 Teilnehmern!

Ich entdeckte irgendwann um 2000 eine Anzeige des Grand Prix Bern und somit nahm das Schicksal seinen Lauf. Bern (übrigens Hauptstadt der Schweiz, was erfahrungsgemäß nicht jedem bekannt ist...) hat mir schon immer gut gefallen, man kommt von Karlsruhe relativ schnell hin und einen sportlichen Auslandseinsatz hatte ich noch nicht in meiner Vita! Also mal schnell angemeldet und sich überraschen lassen, was da kommt. Nähere Informationen über diesen Lauf hatte ich keine, woher auch (für mich brach das Internetzeitalter erst später aus)! Da die Schweiz topografisch eher flach ist, habe ich mir damals auch keine Gedanken über etwaige Steigungen oder Gefälle gemacht. Jugendlichen Leichtsinn gibt’s also auch noch jenseits der 30! Der GP Bern ist nämlich aufgrund seiner Topografie der schwierigste Nichtberglauf weit und breit!

Da ich das damals noch nicht wusste und man in meinem Alter auch nicht mehr hinzulernt, melde ich mich seither jedes Jahr bei diesem Event an, warum auch immer! Normalerweise findet der Lauf Mitte Mai statt. Da wir dieses Jahr aber ausnahmsweise im Mai in die USA reisen werden, haben die Verantwortlichen des GP den Lauf kurzerhand in den April verlegt. Meinen herzlichen Dank dafür! Offiziell wurde kolportiert, dass der GP wegen der bevorstehenden Eishockey WM verlegt wurde. Nun ja, jeder soll glauben, was er möchte!

Ich habe mir mal geschworen, den Lauf nie als Zuschauer zu besuchen! Gerade zu meinem 10. Jubiläum wollte aber meine Wade nicht so richtig! Die Chance auf eine Teilnahme lag bei wohlwollend geschätzten 1%. Aber 1% ist immerhin besser als gar nichts und so machten wir uns am Freitagmittag auf nach Bern!

Der 5-Kilometer-Belastungstest am Samstagmorgen brachte dann auch Gewissheit. Die 10. Teilnahme wird’s frühestens 2010 geben. 12:57 überwand ich mich (das war wirklich so) und gab meinen Starterchip zurück – Cunningham dns! Dieser Test war übrigens recht aufschlußreich, denn um 7:30 morgens waren mit mir nur noch ein paar dunkelhäutige Läufer auf der Piste. Was die für ein Tempo vorlegen, Wahnsinn! Man erzählt sich ja immer, dass die früher als Kinder in die Schule laufen mußten und deshalb so gut sind! Ich behaupte dann mal noch, dass das alles Langschläfer waren und deshalb so schnell rennen mußten um noch rechtzeitig zu kommen! Mein Schulweg war zu kurz zum rennen, ein Fehler, wie ich jetzt bemerkt habe!

Wenn ich aber schon nicht mitlaufen kann, habe ich mir überlegt, für alle Interessierten diese 10 Meilen zu sezieren. Aber keine Angst, der folgende Bericht ist nicht aus Sicht eines Lauffanatikers (ich kenne nämlich keinen) geschrieben, man könnte die folgenden Zeilen eher als Stadtführer bezeichnen. Bern hat auf der Grand Prix Strecke einiges zu bieten, deshalb:

Doppelknoten in die Laufschuhe uns los geht’s:

Wir starten am Stade de Suisse, das früher mal ein wenig anders aussah und auf den in Deutschland klangvollen Namen Wankdorfstadion hörte.




Kurz danach kommt man an den Aargauer Stalden, welcher einen herrlichen Blick auf Bern freigibt.



Lauftechnisch hat dieser Teil auch gleich etwas zu bieten. Auf einer Länge von 600 Metern lässt man 50 Höhenmeter liegen. Dies entspricht einem durchschnittlichen Gefälle von 8,3%. Jeder der schon mal eine längere Strecke abwärts gejoggt ist, wird bestätigen, dass das kein Spaß ist! Die Muskulatur pfeift danach schon auf dem letzten Loch. Aber wir haben immerhin schon einen Kilometer hinter uns und der nächste markante Punkt folgt zugleich.

Denn am Ende des Gefälles wartet das Wahrzeichen Berns – der Bärengraben. Früher meines Erachtens nicht wirklich bärenfreundlich aber seit einigen Jahren in tierfreundlicherem Umbau befindlich!




Die Bären werden bald ihr eigenes Schwimmbad in der Aare haben. Gleich daneben wartet auch noch das „Alte Tramdepot“, eine Hausbrauerei mit schönem Biergarten.




Für uns geht es aber erst einmal weiter über die Nydeggbrücke, von der man einen schönem Blick auf die Aare und den Aargauer Stalden hat. Warum sehen auf den Bildern die Steigungen immer so harmlos aus?



Der Belag wechselt von Asphalt auf Kopfsteinpflaster und man hat in der Gerechtigkeitsgasse und der Kramgasse die erste längere Steigung zu bewältigen.


 



Alleine dieser Abschnitt ist schon einen Besuch wert. Mit ihren Zunfthäusern, den schönen Altstadtbrunnen...

 

Zähringerbrunnen

 

 

Simonsbrunnen

 


 

Kreuzgassbrunnen




...die seit dem 16. Jahrhundert dort plätschern und der ältesten Apotheke Berns aus dem Jahre 1571, hat sie einiges zu bieten. Auch ein nicht ganz unbekannter Physiker hat hier schon residiert, dazu später mehr. Hat man die 250.000 Pflastersteine hinter sich, erscheint auch schon das nächste Highlight, der Zytglogge-Turm.


 



Der steht hier seit 1220 und war früher die Hauptuhr der Stadt.

Abwärts laufen wir durch den Nydeggstalden zum Mattequartier. Dieses zieht sich am Ufer der Aare entlang und beheimatete früher die Badehäuser der Stadt.



Da man beim baden ja schon mal nackig ist, wurde dort auch gleich anderen Gelüsten gefrönt!

Der folgende Abschnitt zwischen Laufkilometer 4 und 5,5 kann dann getrost ausgelassen werden. Beim GP geht das natürlich nicht. Die Planer haben bei KM 5 eine elektronische Zeiterfassung angebracht. Wer bei dieser Marke fehlt, fehlt auch in der Ergebnisliste! Für den Stadtrundgang sind die Punkte 4 und 5,5 aber gleich und so geht es immer weiter an der Aare entlang in Richtung Dählhölzliwald.

Ja und sollte einem bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgefallen sein, dass man sich in der Schweiz befindet – beim Namen Dählhölztliwald wird es einem spätestens klar! Hier ist Halbzeit und man kann unter anderem Wisente und Rothirsche beobachten. Für alle Freunde des forschen Anfangstempos beginnt die Strecke jetzt erst richtig. Jeder zu schnelle Anfangsschritt macht sich jetzt auf dem 1,2 km langen Anstieg, der am Anfang lockere 11 Steigungsprozente aufweist, bemerkbar. GP-Profis sagen, dass man zur Halbzeit auch genau die Hälfte seiner angepeilten Zielzeit haben sollte und wirklich keine Sekunde schneller! Da man aber auf den ersten 8 Kilometern eher abwärts als aufwärts läuft, ist dafür schon eine Portion Tempoenthaltsamkeit gefragt.

Hat man diese ellenlange Steigung überwunden, wartet der Thunplatz und das Kirchfeldquartier. Es wurde 1870 geschaffen und beherbergt ua. einige Botschaften, Konsulate, die Nationalbibliothek und das Historische Museum. Weiter geht unser Rundweg über die Monbijoubrücke in Richtung Sulgeneck. Auch hier wartet wieder eine 500 m lange Steigung!

Langsam nähert man sich wieder der Innenstadt. Der Bundesplatz mit seinen 26 Wasserfontänen wird überquert



und gleich darauf folgt das Berner Münster.




Man wechselt wieder auf das Kopfsteinpflaster der Kramgasse und läuft am Einstein-Haus vorbei.



Von 1903 – 1905 arbeitete hier Albert Einstein an seiner Schrift über die „Elektrodynamik bewegter Körper“. Irgendwie nicht unpassend!

Kurz darauf, nach nochmaligem passieren der Nydegg-Brücke, werden sich diese Körper dann mit Sicherheit langsamer bewegen! Denn es folgt der Schrecken aller Hobbyläufer, das Pièce de Résistance des GP, gerne auch mal Heartbreak Hill oder Alpe d`Huez genannt! Der Aargauer Stalden wartet wieder und das heißt, nach 14,5 km geht es die 600 Meter lange Steigung wieder nach oben. Der Aufstieg auf den Mount Everest dürfte dagegen ein Kinderspiel sein!

Wenn man noch könnte, könnte man den Rosengarten mit seinen unzähligen Rosen-, Iris- und Rhododendronarten bewundern. Zu diesem Zeitpunkt natürlich alles blanke Theorie! Nicht nur, weil man nicht mehr richtig aus seinen Augen schauen kann, sondern auch, weil im April noch keine Rosen blühen.

 

Bunt ist es trotzdem!



Der fehlende Kilometer bis zum Ziel ist beinahe flach und fällt daher nicht mehr wirklich ins Gewicht und so kommt man nach 16,093 Kilometern wieder beim Stade de Suisse an. Sicherlich nicht mehr ganz so frisch wie vor knapp 46 bis geschätzten 120 Minuten, aber irgendwie doch „beschwingt“, denn es sorgten unzählige Musikbands an der Strecke für musikalische Unterstützung. Ein paar Banänchen gibt es dann auch noch.




Somit ist unser Rundgang beendet. Wer einmal in die Nahe von Bern kommt, sollte sich diese Stadt genauer anschauen. Es lohnt sich, egal in welchem Schritttempo!

Mein Fazit für 2009:

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass es nichts Schlimmeres gibt als den Aargauer Stalden hoch zu rennen. Seit diesem Jahr bin ich schlauer! Es gibt für mich nichts Schlimmeres als als Zuschauer beim GP dabei zu sein. Ob ihrs glaubt, oder nicht – ich mußte Höllenqualen erleiden. Das mache ich nie wieder, entweder ich bin fit, oder ich fahre ne Woche vor dem Lauf nach Bern! Einmal im Jahr Bern hat Tradition!

Und wer es bis hier her geschafft hat, bekommt als Belohnung noch ein paar Brunnenköpfe:

 

 

 



Zum Schluß - als Warnung für die, die behaupten, dieser Bericht ist zu lauflastig - der gefräßigste Berner Brunnen:



Ich kenne den Burschen gut und er hat noch Appetit...